Illusion of Competence oder die Kompetenzillusion – Der Dunning-Kruger-Effekt

Unserer Erfahrung zeigt, dass das Konfliktpotenzial zwischen Trainer und Sportwissenschaftler im Vergleich zu den anderen Gruppen am größten ist. Dies liegt sicherlich zum einen darin begründet, dass sich Trainer und Sportwissenschaftler unmittelbar um die begrenzte Trainingszeit streiten und zum anderen auch darin, dass Trainer, vor allem mit eigener Erfahrung als Spieler, bereits selbst zu wissen, wie Athletiktraining funktioniert.

Die “illusion of competence”, auch als Kompetenzillusion oder Dunning-Krüger-Effekt, bezeichnet,beschreibt das Phänomen, dass Menschen trotz relativ geringer Grundkenntnisse von einem bestimmten Thema dazu neigen, ihr Wissen in diesem Bereich zu überschätzen.

Der Dunning-Kruger-Effekt geht auf den Psychologen David Dunning von der Cornell University und dessen Doktoranden Justin Kruger zurück und ist eher ein populär-wissenschaftliches Modell [1] der Kompetenzstufenentwicklung, weshalb Dunning und Kruger für ihre Entdeckung seinerzeit auch nur die satirische Auszeichnung des Ig-Nobelpreises [2] erhielten.

Dabei war das Experiment, mit dem der Effekt nachgewiesen werden sollte, recht clever aufgebaut. Dunning und Kruger stellten ihren Studenten eine Reihe verschiedener Fragen zur Grammatik und zu logischem Denken. Im Anschluss daran baten sie die Studenten, sowohl ihre Gesamtpunktzahl zu schätzen, als auch ihr Ergebnis im Vergleich zu den anderen Studenten einzuordnen. Das Spannende an diesem Experiment war, dass die Studenten, die bei den Aufgaben am schlechtesten abgeschnitten haben, ihre Leistung jeweils deutlich überschätzten.

In einer Folgestudie befragten Dunning und Kruger Waffenliebhaber. Auch hier überschätzten diejenigen, die die wenigsten Fragen über Schusswaffen richtig beantwortet haben, ihr Wissen erheblich.

Auch in anderen Bereichen wird Selbstüberschatzung schnell deutlich – nehmen wir nur die vielen Casting-Shows im Fernsehen, bei denen z.B. völlig talentlose Sängerinnen und Sänger völlig überrascht sind, wenn sie nicht in die nächste Runde kommen. Was für uns Zuschauer häufig belustigend ist, ist für die Teilnehmer aufgrund ihrer „illusion of competence“ völlig unverständlich. Ein weiteres Beispiel. Halten Sie sich für einen überdurchschnittlich guten Autofahrer? Ja?! – Dann sind Sie nicht alleine. Eine Studie [3] ergab, dass 80 Prozent der Fahrer sich selbst als überdurchschnittlich bewerten – eine statistische Unmöglichkeit. Ähnliche Trends wurden festgestellt, wenn Menschen ihre Popularität [4] oder ihre kognitiven Fähigkeiten [5] bewerten sollten.

Das Problem ist, dass Menschen, die inkompetent sind, ihre eigene Inkompetenz nicht wahrnehmen können. Und nicht nur das – sie sind wahrscheinlich tatsächlich davon überzeugt, dass sie kompetent sind. Interessanterweise schätzen auch wirklich kluge Köpfe ihre Fähigkeiten nicht gut ein. In ihrer ersten Studie stellten Dunning und Kruger fest, dass leistungsstarke Studenten, deren Ergebnisse klar im oberen Viertel lagen, ihre relative Kompetenz unterschätzten. Diese Studenten gingen davon aus, dass die gestellten Aufgaben für alle anderen genauso einfach oder sogar einfacher sein müssten, wenn diese für sie so leicht zu beantworten waren. Auch haben sie generell mehr Bewusstsein für das, was sie mehr wissen könnten oder was sie nicht wissen.

„One of the painful things about our time is that those who feel certainty are stupid, and those with any imagination and understanding are filled with doubt and indecision.“  – Bertrand Russell (1951)

Oder kurz: „Mit dem Wissen wächst der Zweifel“ Johann Wolfgang von Goethe

Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt also eindrucksvoll das Problem der Selbstüberschätzung, das sich natürlich ebenso im Bereich des Sports findet. Es macht auch nicht vor Cheftrainern halt, wenn es umAthletiktraining und Regeneration geht. Wer kennt sie nicht, Sätze wie: „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „Als ich Profi war …“ etc.- ein klarer Fall von Kompetenzillusion.

Wie die Abbildung zeigt, gliedert sich die Entwicklung des Kompetenzerwebes in vier Phasen.

  1. Jede Reise beginnt mit der vollständigen Ahnungslosigkeit – mit zunehmender Dauer steigen sowohl das Kompetenzlevel als auch das Selbstvertrauen. An einem gewissen Punkt wächst das Gefühl, dass man „alles“ weiß. Häufig überschätzen inkompetente Trainer ihr Wissen für verschiedene Teilbereiche und nehmen dabei das Ausmaß ihrer eignen Inkompetenz überhaupt nicht wahr. An diesem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten:

(1) Die Trainer bleiben auf dem „Stupid Hill“ und sehen keine Notwendigkeit ihre Kompetenz zu steigern. Dazu unterschätzen die Trainer gern die Kompetenz anderer Fachleute – hier   entsteht häufig ein Problem zwischen Trainern und Trainingswissenschaftler. Auf die Meinung bzw. die Hinweise der Wissenschaftler reagieren diese Trainer häufig mit sog. Kognitiver Dissonanz, einer reinen Abwehrhaltung, die -vereinfacht formuliert – von Trotz, Rechtfertigungen und Wut begleitet wird. Diese Trainer glauben, dass Sie nicht Teil des Misserfolges sind – vielmehr spielen sie stattdessen das „blame game“ und geben anderen Beteiligten die Schuld.

(2) Die Trainer erkennen ihre Defizite und beginnen sich mit entsprechenden Themen eingehender zu beschäftigen. Damit treten sie in die zweite Phase der Kompetenzentwicklung ein.

  1. Mit der Einsicht der eigenen Inkompetenz beginnt zunächst der schmerzvolle Abstieg in das Tal der Hoffnungslosigkeit. Je mehr man an Informationen findet und je mehr man sich mit Experten austauscht, desto größer wird das Gefühl der eigenen Inkompetenz. Durch den Erwerb hervorragender Kenntnisse in einem bestimmten Fachgebiet (z.B. durch ein Studium) und praktische Erfahrungen, die für die Arbeit auf diesem Gebiet erforderlich sind (z. B. Umgang mit GPS-Systemen und anderen Monitoring-Daten) nehmen Selbstvertrauen und Sicherheit wieder zu.
  2. Durch zunehmende praktische Erfahrung und ständige Weiterbildung stellt man dann fest, dass die reale Welt des Sport weitaus komplexer ist, als es an den Hochschulen gelehrt wird und dass man sein Wissen immer wieder an die entsprechenden Rahmenbedingungen anzupassen hat. Mit einem vergleichsweise hohen Aufwand schafft man es, weiter an Sicherheit zugewinnen und zunehmend komplexere Fragestellungen und Probleme zu lösen.
  3. In der vierten Phase kann man sein erworbenes Wissen und seine praktischen Erfahrungen an nahezu jedes Umfeld anpassen und hat für die verschiedensten und komplexesten Fragestellungen Lösungsmöglichkeiten und möglicherweise notwendige Alternativen

Im Fußball besteht besonders bei der Thematik „Load Management“ dann großes Konfliktpotenzial, wenn ein Trainer der Phase 1 auf einen Sportwissenschaftler der Phase 4 trifft. Der Trainer nimmt das Fachwissen des Sportwissenschaftlers häufig als Arroganz wahr und reagiert darauf mit gesteigertem Abwehrverhalten – der Sportwissenschaftler interpretiert die Abwehrhaltung seinerseits wiederum als Überheblichkeit des Trainers. Dieses Verhalten beider Seiten stellt keine gute Ausgangslage für ein HPE dar und sollte tunlichst vermieden werden. Das Auftreten des Dunning-Kruger-Effektes ist in den meisten Fällen keine Schwäche der Fußballtrainer – vielmehr liegt das Problem in den z.T. ineffektiven Lernmethoden. Ein Vorteil eines Studiums liegt in dem Kompetenzerwerb in Prinzipien zu denken, diese Fähigkeit fehlt vielen Fußballtrainer häufig – sie denken eher in Systemen.

Die gute Nachricht: Dunning und Kruger klammerten die Intelligenz ganz bewusst aus ihren Untersuchungen aus – entsprechend sind Menschen, die sich selbstüberschätzen nicht automatisch dumm oder weniger intelligent, vielmehr fehlt ihnen oft nur das nötige Fachwissen zu einer Thematik. Der Kunst besteht also darin, sich nicht von der Illusion der Kompetenz täuschen zu lassen, seine Unwissenheit anzuerkennen und stetig weiter zu lernen. Wie Konfuzius bereits sagte: „Echtes Wissen heißt, das Ausmaß der Unwissenheit zu kennen.“ Entsprechend sind Demut, Offenheit und Respekt auf der einen Seite, sowie die Bereitschaft zur stetigen Weiterentwicklung auf der anderen Seite elementare Bestandteile eines HPEM.

Da die Chef-Trainer im Fußball den Sportwissenschaftlern sowohl zahlenmäßig als hierarchisch überlegen sind, stehen v.a. die Sportwissenschaftler vor der Herausforderung verstärkt zuzuhören, von den Trainern zu lernen, konstruktive Kritik anzunehmen und ein fußballspezifisches Wissen zu entwickeln und den Trainern die richtigen und wesentlichen Informationen durch eine attraktive und leichtverständliche Aufbereitung  vermitteln, dass diese schließlich im Trainingsalltag umgesetzt werden können.

Quellenhinweise

[1] Kruger, Justin & Dunning, David. (2000). Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments. Journal of Personality and Social Psychology. 77. 1121-34. 10.1037//0022-3514.77.6.1121.

[2] Ig steht für ignoble (etwa schmachvoll, unwürdig), der Ig-Nobelpreis wird jedes Jahr von der amerikanischen Harvard University für skurrile, scheinbar unsinnige, aber doch nachdenkenswerte Forschungen verliehen.

[3] McCormick, I. A., Walkey, F. H., & Green, D. E. (1986). Comparative perceptions of driver ability – a confirmation and expansion. Accident Analysis and Prevention,18(3), 205–208.

[4] W, EZRA & Jost, John. (2001). What MakesYou Think You’reSo Popular? Self-Evaluation Maintenance and the Subjective Side of the „FriendshipParadox. Social Psychology Quarterly. 64. 10.2307/3090112.

[5] Roese, N. J., & Olson, J. M. (2007). Better, Stronger, Faster: Self-Serving Judgment, Affect Regulation, and the Optimal Vigilance Hypothesis. Perspectives on psychological science : a journal of the Association for Psychological Science, 2(2), 124–141. https://doi.org/10.1111/j.1745-6916.2007.00033.x

Trusted & Supported by