Interview mit Onkel Chris Experte für Neurodidaktik und angewandte Kommunikationswissenschaft im Fußball

Chris Menzel, studierter Biologe und Sportwissenschaftler ist ein sehr erfahrender Trainer und hat sich in den letzten Jahren vor allem auf den Grundlagenbereich spezialisiert.

In der Arbeit mit Spielern legt „Onkel Chris – effektiver lehren und trainieren im Fußball!“ besonders großen Wert auf die Art und Weise wie er den Lernprozess gestaltet und wie sich dieser im Anschluss durch Trainerkommunikation und Interaktion mit den Spielern optimal begleiten lässt.

SoccAthletix (SCX): Chris, vielen Dank, dass Du dich für ein Interview mit uns zur Verfügung stellst. Kannst Du dich unseren Lesern bitte kurz einmal vorstellen. Wer bist Du? Wo kommst Du her und was machst Du?

Christian Menzel (CM): Ich danke: Soccathletix – spielend fit werden ist mittlerweile zu einem echt starken Portal gereift! Danke für eure Beiträge! Zu mir: Ich stamme aus Peine in der Nähe von Braunschweig. Mit 16 wurde ich Trainer einer F-Junioren Mannschaft beim SV Bosporus Peine. Von dort ging es über FSJ, Studium, Lizenzen und viel Fleiß und Herzblut bis zur Arbeit im NLZ. Ich wirke nun seit Tag 1 des Braunschweiger Nachwuchsleistungszentrum (im fünften Jahr in Folge) im Aufbau- und Grundlagenbereich. In der letzten und dieser Spielzeit kommt mir dabei die Aufgabe zu unsere U13 Spieler auszubilden.

SCX: In den vergangenen Jahren hast Du dich ja intensiv mit der Thematik Lernen und Trainerkommunikation auseinandergesetzt. Wie siehst Du die Rolle des Trainers im modernen Fußball?

CM: Darauf gibt es meines Erachtens keine klare Antwort. Die Arbeit der Trainer im Mannschaftssport ist derart vielseitig und komplex, dass es diese auch nicht geben kann.

Die Rolle des Trainers ist nicht von außen vorgegeben, die Arbeitsumstände (Mannschaftszusammenstellung, Vereinsinteressen) hingegen schon. Besteht die Bereitschaft unter den gegebenen Voraussetzungen als Trainer tätig zu werden, sollten Ziele und gegenseitige Bedürfnisse und damit auch die Rolle und Funktion des Trainers in einem gemeinsamen Erwartungshorizont zwischen Mannschaft und Trainer festgehalten werden.

In ganzheitlichen Förderungssystemen sind die Anforderungen an die Kompetenzen des Trainers enorm gestiegen. Der (Junioren-)Leistungstrainer ist demnach sowohl hauptsächlicher Ansprechpartner für Funktionsteam und Mannschaft als auch Schnittstellenkommunikator zu allen Anlaufpunkten. Hierfür benötigt er Kenntnisse in den Arbeitsbereichen Training, Psychologie, Pädagogik, Medizin, Physiotherapie und Athletik/ Reha, um die Prozesse zur Zufriedenheit Aller gestalten zu können. Die Gestaltung des Miteinanders und der Abläufe in der Zusammenarbeit ist Chefsache.

Kommunikative Kompetenzen sind hierbei basal. Der Trainer tritt dann, je nach Zweck seiner Tätigkeit, in verschiedenen Rollen auf. Über der Mannschaft (BSP: Als beurteilende und kritische Instanz), neben der Mannschaft (BSP: Als Begleiter beim Physiotherapeuten) als auch im Team (BSP: Erarbeitung einer gemeinsamen Strategie für das nächste Spiel).Mit seinem Funktionsstab muss er in der Lage sein auf Augenhöhe zu kommunizieren, als auch deutliche Anweisungen zu geben.

Alles in allem hat der Trainer seine Arbeit mit der Mannschaft so zu organisieren, dass diese in der Lage ist ihre bestmögliche Leistung konstant abzurufen. Dies kann, wie beschrieben, je nach Grundvoraussetzungen durch völlig unterschiedliche Ansätze erreicht werden.

Der Trainer muss … die Spieler nicht nur fußballerisch verbessern, sondern ebenfalls in seine Ideen mit einbeziehen und das Team mit seinem Arbeitsstil ansprechen

Der Trainer kann … einen Großteil seiner Verantwortung vertrauensvoll an die Mannschaft übergeben. Dahingehend sind die Spieler heutzutage in der Lage und gewillt selbst zu entscheiden/handeln/ verantworten

Der Trainer darf … selbstverständlich klare Entscheidungen treffen und somit Kaderstruktur und auch die Zuständigkeiten im Funktionsteam frei koordinieren

Der Trainer sollte … die Zusammenarbeit nicht zwangsläufig entlang seiner eigenen Motive und Bedürfnisse organisieren.

Im besten Fall interpretiert der Trainer seine Rolle als supportive Leader, was bedeutet, er bietet für jeden der angesprochenen Bereiche Hilfe zur Selbsthilfe und ermöglicht somit jedem Spieler offene Entwicklungsmöglichkeiten bei voller Selbstverantwortung plus unterstützende Begleitung.

SCX: Hat sich diese Rolle in den letzten Jahren Deiner Meinung nach verändert? Welche Anforderungen sollte ein Trainer gerecht werden?

CM: Im Nachwuchsfußball stelle ein zunehmendes Maß an Professionalität im Trainerwesen fest. Fachliteratur und die neuen Medien haben in den letzten Jahren einen deutlichen Fortschritt in der Detailarbeit im Training bewirkt. Auf der anderen Seite sorgen sie in Teilen auch für gefährliches Halbwissen. Begründet ist dies dadurch, dass neben den ursprünglich gestellten Fragen zu den Organisationsformen mehr Wert auf die Festlegung so genannter Coachingdetails und Schlagworte gelegt wurde. Für Trainer bieten diese die Möglichkeit präzise Handlungsanweisungen und Korrekturen vornehmen und somit die Spieler besser machen zu können. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht handelt es sich damit um Codes. Sie sind Teil einer Einheitssprache, die von der neuen Spielergeneration verstanden wird. Offene Spielstellung, Vororientierung, Gegenpressing sind für einen 13jährigen Spieler keine Fremdwörter mehr.

Hinterfragt wird diese Einheitssprache und bei der Gestaltung des Trainingsprozesses dann leider zu selten. Lernen muss individuell gestaltet sein, weshalb es leider nicht möglich ist, in einer Trainings- oder Spielform für alles Spieler dieselben Korrekturen vorzunehmen. Im schlimmsten Fall führt dies auch zu Gleichmacherei und damit direkt am Spieler vorbei: denn nun hören sie jeden Trainer sagen: abkippen, gegenpressen, oder offenen Stellung.

Im besten Fall analysiert der Trainer genau, wann, wie oft, warum man und auf welche Art und Weise er etwas sagt und wie er es im Anschluss begründen und bekräftigen kann. Das WIE muss viel mehr im Vordergrund stehen, wenn es darum geht den Lernprozess der Spieler im Blick zu haben. Immer aus der Perspektive, dass die Arbeit im Juniorenfußball Zeit mit heranwachsenden Kindern und Persönlichkeiten ist und das gelungenes Lernen bestimmte Voraussetzungen bedarf.

Neu in das Feld der Softskills der Jugendfußballtrainer möchte ich den Begriff der Neurodidaktik und des gehirngerechten Lernens im Fußballtraining führen. Ich denke, dass es bei der Gestaltung und der Begleitung von Lernprozessen im Fußball noch erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Dafür werbe ich mit „Onkel Chris – Effektiver lehren und trainieren!“

SCX: Lass uns noch etwas bei dem Anforderungsprofil und dem Bereich Kommunikation bleiben. Warum legst Du so großen Wert auf den Bereich Kommunikation. Kannst Du hier etwas genauer werden?

CM: Fußball ist Kommunikation. Die Bergriffe Kommunikation, Interaktion und Verhalten haben große gemeinsame Nenner. Im Mannschaftssport erleben wir interagierende, kommunizierende Personen dessen Verhalten (Entscheidungen) es zu analysieren gilt. Welche Botschaften stecken in einem Pass? Wie kommt es in der Situation zu einem entsprechenden Zusammenspiel; warum wurde gepasst? Unter diesen Voraussetzungen ist Fußball im besten Sinne gelebte Kommunikation. Hier den Filter anlegen zu dürfen, fasziniert mich. Das wesentliche sichtbar zu machen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Als Trainer dann Komplexes und Schweres zu analysieren und kind- und spielgerecht zu übermitteln, ist die hohe Kunst der Didaktik. Der Trainer sollte ein exzellenter Kommunikator sein.

Kommunikation ist die Basis der Zusammenarbeit

Wer bin ich? Wofür stehe ich? à wie verhalte ich mich? wie kommuniziere ich?

Die beschriebene Perspektive auf meine Arbeit als Juniorentrainer anzuwenden macht mich langfristig zu einem besseren Kommunikator, Vermittler und Mitmenschen. In der Arbeit mit dem Spieler ergeben sich durch den gewonnenen Blickwinkel die Neigung und Motivation der Spieler. Interessen und Wünsche sollten dann leitend in die Zusammenarbeit einfließen. Die Zeiten des deduktiven autokratischen Antreibers sind vorbei!

SCX: Was macht eine gute Kommunikation für Dich aus und wie setzt Du dies in Deiner täglichen Arbeit um?

CM: Ich würde meinen Stil unter anderem als spielerzentriert beschreiben, was bedeutet:

In der Zusammenarbeit mit Talenten lege ich zunächst Wert darauf, dass die Stärken der Einzelspieler in Szenen gesetzt werden können. Selbstverständlich muss im Nachwuchsfußball auch umgelernt und neugelernt werden. Dennoch ist es mir wichtig, dass ich durch den Austausch mit meinen Spielern erfahre, was sie auszeichnet und was Sie antreibt. Spielern mit einer mangelnden Selbstreflexion (Selbstbild), helfe ich induktiv oder mit Videofeedback auf die Sprünge.

Es gibt allerdings in unserer Trainer–Spieler Beziehung keinen nach Fehler suchenden und vorschreibenden Trainer. Gemeinsam die Stärken des Spielers zu betonen und im Training an den Potentialen arbeiten: sehr wichtig für die Motivation beider Seiten! Dazu gehört es auch Offenheit und Kritikfähigkeit klar zu signalisieren. Für die Kinder möchte ich ansprechbar und nahbar erscheinen.

Hierbei ist meine Rolle als Empfänger von entscheidender Rolle. Den Motiven der Kinder für und im Leistungssport dürfen wir uns als Trainer nicht entziehen oder gar verschließen. Ich als Trainer mache mir meine Wirkung als Sender im Lernprozess der Spieler zunächst erstmal gänzlich bewusst. Ich weiß, dass mein Verhalten und meine Kommunikation von den Einzelspielern und der Mannschaft sehr genau wahrgenommen werden.

Ziel der Zusammenarbeit ist es eine freudig/ kreative Lernatmosphäre zu schaffen, welche versucht Störungen in den Beziehungen und der Kommunikation zu vermeiden und auf diese Weise Lernen ermöglicht. Als Ergebnis peile ich nachhaltig an mit mündigen und inspirierten Spielern arbeiten zu können.

Mein Coaching ist:

  • Kritiklos (Dale Carnegie)
  • Gewaltfrei (Marshall B. Rosenberg))
  • Positiv verstärkend – ich betone das Gute
  • Induktiv – erfragen statt vorkauen
  • Auf Symmetrie gerichtet – (Watzlawick)
  • Immer an den Interessen und Bedürfnissen des Spielers orientiert

Der konkrete Weg dorthin benötigt, ähnlich wie die Gestaltung meines fußballerischen Trainings Achtsamkeit und Planung durch den Trainer. Um Störungen in unserem Lernprozess zu vermeiden, ist meine Kommunikation adressatenspezifisch, das bedeutet, an den Bedürfnissen des Spielers zu gestalten. Ich frage mich: wie lernt er am besten? Wie sind sein Verhalten und seine Kommunikation auf Basis seiner Sozialisation ausgeprägt?

In den nächsten Spielzeiten werde ich versuchen diesen Gedanken voranzutreiben und mich insbesondere mit der Ausbildung einer Spielerpersönlichkeit zu beschäftigen die mentale Stärke, große Lernlust und Offenheit aufweist.

SCX: Zusammenfassend: Welche 3 Schlagwörter zeichnen Deine Arbeit aus? 

CM: Das Führen einer Mannschaft ist für mich Stilfrage

  1. wertschätzend/ emphatisch
  2. spielerzentriert
  3. humorvoll kreativ Lernen

SCX: Kommen wir zum langsam zum Ende unseres Interviews. Wir möchten Dir jetzt noch ein paar schnelle Fragen stellen. Am besten antwortest Du mit einem Wort oder einem Satz.

CM: Keine Stärke von mir! (lacht)

SCX: Welche drei Trainingshilfsmittel oder -materialien benutzt Du besonders gern?

  1. mehrere Notizblöcke. Oft mache ich ein zehn minütiges Brainstorming NACH dem Training.
  2. Ich neige zu einem minimalistischen Materialverbrauch, je weniger Material desto besser. Langfristig macht es Sinn dem Spieler Orientierung und Aufmerksamkeit zur Aufgabe zu machen und ihn von unterstützenden Aufbauten zu entwöhnen.
  3. meine Stoppuhr. Auf die Belastungszeiten meiner Spieler achte ich trotz kreativer Entfaltung penibel.

SCX: Hast Du Vorbilder an denen Du dich orientieren?

CM: Absolut. Ich denke, dass es für jeden Menschen wichtig ist, Vorbilder zur Orientierung zu nutzen. Und wenn diese uns zeigen, wie es nicht geht, so dienen sie auch als Vorbild. Alle Querdenker inspirieren mich hierbei. Ihre Kontroversität ist für mich am Ende des Tages die Bestätigung, dass diese Trainer im Laufe ihrer Eigenentwicklung und Arbeit gelernt haben, neue und unbequeme Fragen aufzuwerfen. Weiterhin haben sie dann kreative und teilweise unliebsame Wege abseits des Trainermainstreams gefunden um die gestellten Fragen zu beantworten. Auseinandergesetzt habe ich mich hier intensiver mit der Arbeit Louis van Gaals. Ebenfalls verfolge ich immer die kreative Arbeit Peter Hyballas und die hyperkritische Haltung Raymond Verheijens. Alle samt inspirierende Persönlichkeiten. Idealvorstellung wäre für mich die Fachlichkeit und der Arbeitsethos Thomas Tuchels in Verbindung mit dem Auftreten und der Gelassenheit eines Ancelottis. Ein definitiv erstrebenswerter Stil.

SCX: Du hast nur eine Antwortmöglichkeit. Welches Buch würdest Du jemandem empfehlen, der auch in Deine berufliche Richtung möchte?

CM: Diesem rhetorischen Druck werde ich als „Kommunikationsexperte“ nicht nachgeben: Es gibt mehrere Bücher die ich empfehlen kann:

  1. Dale Carnegie – Sorge dich nicht – Lebe!
  2. Friedemann Schulz von Thun – Miteinander reden Trilogie
  3. da sind einfach zu viele…

SCX: Welchen Rat würdest du einem jungen Trainer geben, der seine Kommunikationsfähigkeit verbessern möchte?

CM: 

  1. Weniger ist mehr/ sei nicht der Elefant im Porzellanladen. 
  2. Sei dir bewusst, dass jedes Verhalten deinerseits vom Spieler mit hoher Aufmerksamkeit und Bedeutung interpretiert wird: meistens Falsch!
  3. Kommuniziere deutlich und begib dich hierzu auf die Ebene der Spieler
  4. Vermeide Missverständnisse und sorge für deutliche Aufgabenstellungen.
  5. Übergebe die Verantwortung und das Handeln der Mannschaft zum Großteil an die Spieler
  6. Trete als Helfer, Unterstützer und absoluter Fachmann für alle fußballerischen Fragen auf
  7. Reflektiere dein Coaching kritisch nach jedem Training
  8. Bilde dich! Wissen ist macht
  9. Verwende deine Alltagserfahrungen für den Trainingsalltag
  10. Sei als Trainer kein Schauspieler! Bring in der Arbeit mit deiner Mannschaft deine Persönlichkeit und Werte ein und entwickle dich dabei stätig weiter.

SCX: Letzte Frage: Wie kann man Kontakt zu Dir aufnehmen?

CM:  Ich bin ein Freund des direkten Kontaktes und Austausches. Von daher hinterlasse ich meine Emailadresse und bin Für Anregungen und Fragen offen. Bis dahin Train Your Brain! 

SCX: Onkel Chris, herzlichen Dank für Deine Zeit und das spannende Interview.

CM: Ich danke euch sehr

Dir hat das Interview gefallen? Dann besuche doch Onkel Chris direkt auf seiner Seite oder schreibe ihm eine eMail.

« zurück
weiter »